1. Problembeschreibung & Anwendungsbereich
Diese Anleitung behandelt die Diagnose und Behebung von unbeabsichtigten oder intermittierenden Fehlauslösungen in sicherheitsbezogenen Steuerungssystemen (SRP/CS) nach DIN EN ISO 13849-1 und DIN EN 62061. Solche Fehlauslösungen, oft als „Nuisance Trips“ bezeichnet, führen zu unerwarteten Maschinenstillständen, reduzieren die Anlagenverfügbarkeit und können ineffiziente oder gar gefährliche Workarounds durch das Bedienpersonal provozieren, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Die primären Ursachen liegen häufig in der Sensorik, Verkabelung, Umgebungseinflüssen oder im Sicherheitsrelais selbst.
Betroffene Anlagentypen umfassen alle Maschinen und Systeme, die über integrierte Sicherheitsfunktionen verfügen, wie beispielsweise Pressen, Roboterzellen, Förderanlagen, Verpackungsmaschinen, Montageautomaten und Bearbeitungszentren. Die Sicherheitssysteme können Not-Halt-Einrichtungen, Schutztürüberwachungen, Sicherheitslichtschranken, Laserscanner oder Zweihandsteuerungen umfassen. Die vorliegende Anleitung zielt darauf ab, dem Instandhaltungstechniker eine systematische Methodik zur Identifizierung und Behebung derartiger Fehlerursachen zu liefern.
Schweregrad der Störung: KRITISCH
- Ungeplante Produktionsausfälle und erhebliche Kosten.
- Gefährdung des Bedienpersonals durch potenzielle Umgehung von Sicherheitseinrichtungen.
- Erhöhter Verschleiß von Maschinenkomponenten durch abruptes Anhalten.
2. Sicherheitshinweise
WICHTIG: Lebensgefahr durch elektrische Energie, mechanische Bewegung und gespeicherte Energie!
Vor Beginn jeglicher Diagnose- oder Instandhaltungsarbeiten sind folgende Maßnahmen UNBEDINGT einzuhalten:
- ENERGIEABSICHERUNG (LOTO): Das gesamte System muss gemäß DIN EN ISO 14118 (Vermeidung unerwarteten Anlaufs) sicher von allen Energiequellen getrennt, gegen Wiedereinschalten gesichert und auf Spannungsfreiheit geprüft werden. Dies beinhaltet elektrische, hydraulische, pneumatische und mechanische Energie.
- Persönliche Schutzausrüstung (PSA): Immer geeignete PSA tragen: Schutzbrille (DIN EN 166), Sicherheitsschuhe (DIN EN ISO 20345), Schutzhandschuhe (DIN EN 388), gegebenenfalls Gehörschutz (DIN EN 352) und Lichtbogenschutz bei Arbeiten an Schaltschränken.
- Restenergie: Nach der Energieabschaltung auf gespeicherte Energie achten (z.B. Federn, Kondensatoren, hochgehobene Lasten, Druckluft in Speichern). Diese muss kontrolliert abgebaut oder gesichert werden, bevor Arbeiten an der Maschine begonnen werden.
- Gefährliche Bereiche: Nur autorisiertes Personal darf sich im Arbeitsbereich aufhalten. Kennzeichnen Sie den Bereich entsprechend.
- Einhalten der Herstelleranweisungen: Immer die spezifischen Sicherheitshinweise des Maschinen- und Komponentenherstellers beachten.
3. Erforderliche Diagnosewerkzeuge
Die korrekte Ausrüstung ist entscheidend für eine effiziente und präzise Fehlerdiagnose. Folgende Werkzeuge sind für die Fehlersuche bei Sicherheitsstörungen unerlässlich:
| Werkzeug / Gerät | Spezifikation / Modell | Messbereich / Funktion | Zweck |
|---|---|---|---|
| Digitalmultimeter (DMM) | Fluke 87V, Metrawatt MetraHit Ultra | VAC (0-1000V), VDC (0-1000V), Ω (0-50 MΩ), Kontinuität, mA (0-10A) | Spannungs-, Strom-, Widerstands- und Durchgangsprüfung von Leitungen und Komponenten. |
| Sicherheitsrelais-Diagnosetool | Pilz PITestop, Siemens SIRIUS Safety ES, Rockwell Guardmaster | Spezifische Herstellersoftware / Hardware | Funktionstest, Auslesen von Fehlercodes und Diagnosemeldungen des Sicherheitsrelais. |
| Laser-Ausrichtgerät | SICK, Keyence, Leuze | Präzision +/- 0,1 mm | Exakte Ausrichtung von Sicherheitslichtschranken und optischen Sensoren. |
| Thermografie-Kamera | FLIR E-Serie, Testo 872 | -20°C bis +650°C, Thermische Empfindlichkeit < 0,05°C | Identifikation von Überhitzung an Klemmen, Kabeln oder Komponenten (lockere Verbindungen, erhöhte Übergangswiderstände). |
| Digitaler Speicheroszilloskop (DSO) | Fluke ScopeMeter 190-Serie, PicoScope 2000-Serie | 20 MHz – 100 MHz Bandbreite, 100 MS/s – 1 GS/s Abtastrate | Analyse von Signalintegrität, Rauschen, Übersprechen und elektromagnetischen Störungen (EMI). |
| Kabelprüf- und Ortungsgerät | Fluke IntelliTone, Megger MIT-Serie | Kontinuität, Isolation (bis 1000V), Kabellänge | Lokalisierung von Kabelbrüchen, Kurzschlüssen oder schlechten Isolationen in der Verkabelung. |
| Vibrationsmessgerät | SKF Microlog, PCE-VM 21 | Beschleunigung (g), Geschwindigkeit (mm/s), Weg (µm) | Erkennung mechanischer Schwingungen, die Sensoren beeinflussen oder Kabel beschädigen könnten. |
| Druckmessgerät (Manometer) | WIKA, Festo | 0 – 16 bar, Genauigkeitsklasse 1.0 | Überprüfung von Drucksicherheitskreisen in pneumatischen oder hydraulischen Systemen. |
4. Checkliste zur Initialbeurteilung
Bevor mit der systematischen Diagnose begonnen wird, ist eine gründliche Erstbeurteilung der Situation und des Maschinenstatus entscheidend. Diese Informationen helfen, den Fehlerkontext einzugrenzen und unnötige Schritte zu vermeiden.
| Aspekt | Beobachtung / Aufzeichnung | Zweck |
|---|---|---|
| Betriebszustand zum Zeitpunkt der Störung |
|
Eingrenzung des Fehlers auf spezifische Betriebsabläufe oder Bereiche. |
| Aktueller Status der Sicherheitseinrichtung |
|
Erste Hinweise auf die Art des Fehlers (z.B. Signalweg unterbrochen, Relaisfehler). |
| Alarme und Fehlermeldungen |
|
Detaillierte Informationen zur Fehlerquelle und zum Zeitpunkt der Auslösung. |
| Kürzlich durchgeführte Änderungen |
|
Identifikation potenzieller Kausalzusammenhänge durch Veränderungen. |
| Umgebungsbedingungen |
|
Hinweise auf externe Einflüsse, die die Funktion beeinträchtigen können. |
| Sichtprüfung |
|
Schnelle Identifizierung offensichtlicher mechanischer oder elektrischer Schäden. |
5. Systematischer Diagnose-Flowchart für Fehlauslösungen
Dieser Entscheidungsbaum leitet den Techniker durch eine strukturierte Fehleranalyse. Beginnen Sie bei der Identifikation des Symptoms und folgen Sie den Anweisungen. Denken Sie stets an die Sicherheitshinweise in Kapitel 2, bevor Sie Arbeiten an der Maschine durchführen!
- Symptom: Maschine stoppt unvorhergesehen, Sicherheitsfunktion ausgelöst
- Ist die Auslösung wiederholbar / reproduzierbar?
- JA – Fehler ist reproduzierbar:
- Ist der Fehler auf einen spezifischen Sicherheitskreis oder Sensor begrenzt?
- JA:
- Überprüfen des betroffenen Sicherheitskreises:
- Sicherheitslichtschranke / Laserscanner:
- Sichtprüfung auf Verschmutzung oder Beschädigung der Optik.
- Mit Laser-Ausrichtgerät (Kapitel 3) die Sender-Empfänger-Achse prüfen. Toleranzbereich: Max. 0,5 mm Abweichung auf 5 m Distanz.
- Überprüfen der Umgebungslichtsituation (direkte Sonneneinstrahlung, Reflektionen).
- Status-LED am Sensor prüfen (grün: frei, rot: unterbrochen).
- IF Fehlausrichtung/Verschmutzung: Reinigen und neu ausrichten. → Siehe Kapitel 8.1.
- Schutztür-Sicherheitsschalter / Zuhaltung:
- Mechanische Prüfung der Tür auf Spiel oder Verklemmung.
- Aktor auf Beschädigung oder Verschleiß prüfen.
- Elektrische Kontakte des Schalters mit DMM (Kapitel 3) auf Durchgang prüfen. Erwartet: < 0,5 Ohm bei geschlossenem Kontakt, unendlich bei geöffnetem.
- IF mechanischer Defekt/Kontaktfehler: Justieren oder austauschen. → Siehe Kapitel 8.2.
- Not-Halt-Taster (E-Stop):
- Taster manuell betätigen und auf Freigängigkeit prüfen.
- Elektrische Kontakte mit DMM auf Durchgang prüfen. Erwartet: < 0,5 Ohm bei betätigtem Kontakt, unendlich bei ruhendem.
- IF Taster klemmt/Kontaktfehler: Austauschen. → Siehe Kapitel 8.3.
- Sicherheitslichtschranke / Laserscanner:
- Überprüfen des betroffenen Sicherheitskreises:
- NEIN – Fehler nicht auf spezifischen Kreis begrenzt / tritt an verschiedenen Kreisen auf:
- Überprüfen der zentralen Sicherheitslogik (Sicherheitsrelais / Sicherheits-SPS):
- Fehlercode am Sicherheitsrelais oder über Diagnosesoftware (Kapitel 3) auslesen.
- Spannungsversorgung des Sicherheitsrelais mit DMM prüfen. Sollwert: 24 VDC +/- 5%.
- Reset-Funktion prüfen.
- IF Relaisfehlercode / Spannungsabweichung: Relais tauschen / Spannungsversorgung prüfen. → Siehe Kapitel 8.4.
- Überprüfen der zentralen Sicherheitslogik (Sicherheitsrelais / Sicherheits-SPS):
- JA:
- Ist der Fehler auf einen spezifischen Sicherheitskreis oder Sensor begrenzt?
- NEIN – Fehler tritt intermittierend auf / ist schwer reproduzierbar:
- Verkabelung und EMV-Störungen überprüfen:
- Sichtprüfung der gesamten Verkabelung: Auf mechanische Beschädigungen (Knicke, Scheuerstellen), lose Aderendhülsen oder Korrosion.
- DMM (Kapitel 3) verwenden:
- Widerstandsmessung der Leitungen der betroffenen Sensoren/Aktoren. Erwartet: < 1 Ohm pro 10m Leitung.
- Wackeltests an Steckern und Klemmen während der Durchgangsprüfung.
- Oszilloskop (Kapitel 3) verwenden:
- Signalspektrum der Sicherheitsleitungen auf Rauschen und Spikes prüfen. Erwartet: Saubere Rechtecksignale, keine Spannungseinbrüche > 1Vpp.
- Mögliche Quellen für elektromagnetische Störungen (EMI) identifizieren (Frequenzumrichter, große Motoren, Schweißgeräte).
- Thermografie-Kamera (Kapitel 3) verwenden: Auf Hot-Spots an Klemmen und Steckern prüfen. Temperaturabweichungen > 10°C zur Umgebungstemperatur sind auffällig.
- IF Kabeldefekt / EMI: Kabel tauschen / EMV-Maßnahmen ergreifen. → Siehe Kapitel 8.5.
- Verkabelung und EMV-Störungen überprüfen:
- JA – Fehler ist reproduzierbar:
- Ist die Auslösung wiederholbar / reproduzierbar?
6. Fehler-Ursachen-Matrix
Diese Matrix stellt die häufigsten Symptome, deren wahrscheinliche Ursachen, empfohlene Diagnosetests und die erwarteten Ergebnisse dar, die eine Ursache bestätigen.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursachen (nach Häufigkeit) | Diagnosetest | Erwartetes Ergebnis bei Bestätigung der Ursache |
|---|---|---|---|
| Intermittierende Auslösung der Sicherheitsfunktion |
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| Permanente Auslösung nach Systemstart / Reset |
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| Auslösung bei bestimmten Bewegungen / Lastzuständen |
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7. Ursachenanalyse für Hauptfehlerbilder
Ein tiefes Verständnis der Ursachen ist entscheidend, um die Wiederkehr von Fehlern zu verhindern und die Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen. Die folgenden Abschnitte erläutern die häufigsten Root Causes für Fehlauslösungen von Sicherheitssystemen.
7.1 Sensor-Fehlausrichtung oder Verschmutzung
- Warum es passiert: Mechanische Vibrationen, leichte Kollisionen, unsachgemäße Montage, normale Alterung der Maschine (Setzung), Staubablagerungen, Ölnebel, Spritzer von Kühlmitteln oder Reinigungsmitteln auf optischen Flächen. Bei Reflexions-Lichtschranken können auch Fremdkörper im Messfeld oder sich ändernde Oberflächeneigenschaften des Objekts eine Ursache sein.
- Wie man es bestätigt: Einsatz eines Laser-Ausrichtgeräts (Kapitel 3) zur genauen Prüfung der Sensorachse. Die Toleranzen für optische Sicherheitssensoren sind oft eng, typisch < 0.5 mm auf eine Distanz von 5 Metern. Eine gründliche visuelle Prüfung der Optik auf Verschmutzungen, Beschädigungen oder Kratzer. Beobachten der Sensorstatus-LEDs bei ungestörtem und unterbrochenem Strahl.
- Schäden bei Nichtbehebung: Kontinuierliche Produktionsunterbrechungen durch Fehlauslösungen. Gefahr, dass Bedienpersonal die Sicherheitseinrichtung umgeht, um die Produktion aufrechtzuerhalten, was ein hohes Sicherheitsrisiko darstellt und gegen DIN EN ISO 13849 verstößt.
7.2 Probleme mit der Verkabelung oder Kontaktgabe
- Warum es passiert: Mechanische Beanspruchung (Biegewechsel, Zug), Vibrationen, unsachgemäße Installation (zu enge Radien, fehlende Zugentlastung), Korrosion an Klemmen oder Steckverbindern, fehlerhafte Aderendhülsen (DIN 46228), Überhitzung durch zu hohe Ströme oder lockere Kontakte (erhöhter Übergangswiderstand). Dies führt oft zu intermittierenden Fehlern, die schwer zu lokalisieren sind.
- Wie man es bestätigt: Widerstandsmessung mit DMM (Kapitel 3) der betroffenen Leitungen, idealerweise während einer simulierten Maschinenbewegung (Wackeltest). Isolationswiderstandsprüfung nach VDE 0100-600. Thermografie-Kamera (Kapitel 3) zur Identifizierung von Hot-Spots an Klemmen, Sicherungen oder Steckverbindern unter Last. Sichtprüfung auf Scheuerstellen, Knicke oder Quetschungen der Kabel.
- Schäden bei Nichtbehebung: Gefahr von Lichtbögen oder Brand bei Kurzschlüssen. Intermittierende Ausfälle, die zu einem hohen Diagnoseaufwand und einer stark reduzierten Maschinenverfügbarkeit führen. Bei sicherheitsrelevanten Stromkreisen kann ein sporadischer Kontaktverlust die Sicherheitsfunktion untergraben, auch wenn dies durch Redundanz in PLe Kat. 4 Systemen (DIN EN ISO 13849-1) oft abgefangen wird.
7.3 Elektromagnetische Interferenz (EMI)
- Warum es passiert: Einstreuung von Störsignalen durch benachbarte Frequenzumrichter, Schaltnetzteile, Motoren, Schweißgeräte oder unzureichend geschirmte Kabel (DIN EN 61000-5-2). Schlechte Erdungspraktiken (VDE 0100-410) oder fehlende Potentialausgleichsleitungen können die Wirkung von EMI verstärken. Sensoren und Leitungen agieren als Antennen und fangen diese Störungen ein, was zu fehlerhaften Signalen führt.
- Wie man es bestätigt: Einsatz eines Oszilloskops (Kapitel 3) zur Visualisierung der Signalqualität an den Sensorleitungen. Beobachtung von Rauschen oder Spannungsspitzen, die nicht dem Sollsignal entsprechen. Abschalten potenzieller Störquellen nacheinander, um den Verursacher zu isolieren. Temporäres Abschirmen von Kabeln oder Komponenten.
- Schäden bei Nichtbehebung: Sporadische, unregelmäßige Fehlauslösungen, die extrem schwer zu diagnostizieren sind. Beschädigung empfindlicher Elektronikkomponenten über längere Zeit. Permanente Reduzierung der Signalqualität und damit der Zuverlässigkeit der Sicherheitsfunktion.
7.4 Defekte Sicherheitsrelais oder SPS-Sicherheitsmodule
- Warum es passiert: Interne elektronische Komponentenfehler (z.B. Alterung, Überspannung), fehlerhafte Firmware, Hitzestress, oder unsachgemäße Parametrierung. Auch eine unzureichende oder schwankende Spannungsversorgung kann zu Fehlfunktionen führen.
- Wie man es bestätigt: Auslesen von Fehlercodes über die Diagnoseschnittstelle des Sicherheitsrelais oder der Sicherheits-SPS (Kapitel 3). Beobachten der Status- und Diagnose-LEDs am Modul. Überprüfung der Versorgungsspannung (24 VDC +/- 5%) mit einem DMM. Austausch des Moduls gegen ein bekannt funktionierendes Teil zu Testzwecken.
- Schäden bei Nichtbehebung: Vollständiger Ausfall des Sicherheitssystems, der zu einem permanenten Maschinenstillstand führt. In seltenen Fällen kann ein defektes Relais auch die Sicherheitsfunktion selbst untergraben, obwohl moderne Sicherheitsrelais redundante Architekturen (z.B. 2-kanalig) besitzen, um dies zu verhindern (Performance Level e, Kategorie 4 nach DIN EN ISO 13849-1).
8. Schritt-für-Schritt-Behebungsprozeduren
Die folgenden Anleitungen beschreiben detaillierte Schritte zur Behebung der identifizierten Fehlerursachen. Sicherheit hat höchste Priorität – befolgen Sie IMMER die LOTO-Prozeduren gemäß Kapitel 2, bevor Sie Arbeiten an der Maschine durchführen!
8.1 Behebung von Sensor-Fehlausrichtung oder Verschmutzung
- Sicherheit herstellen: Maschine gemäß LOTO (Kapitel 2) sichern.
- Sichtprüfung: Optische Flächen des Sensors und des Reflektors (falls vorhanden) auf Schmutz, Staub, Öl, Kratzer oder Beschädigungen prüfen.
- Reinigung: Optische Flächen vorsichtig mit einem fusselfreien Tuch und einem geeigneten Reiniger (z.B. Isopropanol, kein aggressives Lösungsmittel!) säubern.
- Ausrichtung prüfen:
- Sender und Empfänger (oder Reflektor) mit einem Laser-Ausrichtgerät (Kapitel 3) präzise ausrichten.
- Optimal ist eine Ausrichtung, bei der die Status-LEDs beider Sensoren (falls vorhanden) eine maximale Signalstärke anzeigen (oft grüne Dauerleuchte).
- Anforderung: Die Abweichung der optischen Achse darf maximal 0.5 mm auf eine Distanz von 5 Metern betragen.
- Befestigung prüfen: Befestigungsschrauben und -halterungen auf festen Sitz prüfen und ggf. nachziehen. Anzugsdrehmomente gemäß Herstellerangaben beachten (oft 2-5 Nm für M4/M5 Schrauben).
- Funktionstest: Nach Freigabe der Maschine (LOTO aufheben) die Funktion der Sicherheitseinrichtung mehrfach testen.
8.2 Behebung von Problemen mit der Verkabelung oder Kontaktgabe
- Sicherheit herstellen: Maschine gemäß LOTO (Kapitel 2) sichern.
- Fehlerhafte Stelle lokalisieren: Basierend auf der Diagnose (DMM, Thermografie, Oszilloskop – Kapitel 3).
- Kabelaustausch bei Beschädigung:
- Beschädigte Kabelabschnitte vollständig durch Kabel mit gleicher Spezifikation (Querschnitt, Schirmung, Aderzahl, Biegeradius) ersetzen. Für bewegte Anwendungen flexible Schleppkettenkabel verwenden, die für 10 Millionen Biegewechsel ausgelegt sind.
- WICHTIG: Geschirmte Leitungen gemäß DIN EN 61000-5-2 stets mit korrekt aufgelegtem Schirmanschluss installieren, um EMV-Probleme zu vermeiden.
- Kontaktpunkte instandsetzen:
- Lockere Klemmenverbindungen: Adern entlasten, neu abisolieren, mit passenden, korrekt gecrimpten Aderendhülsen (nach DIN 46228) versehen und Klemmen mit dem vom Hersteller angegebenen Drehmoment anziehen. Typische Anzugsdrehmomente: 0.5 Nm für kleine Klemmen, 0.8-1.2 Nm für größere.
- Korrodierte Kontakte: Bei leichten Korrosionsspuren Kontakte vorsichtig reinigen. Bei starker Korrosion sind Komponenten auszutauschen.
- Steckverbindungen: Prüfen, ob die Steckverbindung fest sitzt und die Verriegelung intakt ist. Ggf. Reinigen oder Austauschen der Stecker.
- Zugentlastung und Biegeradien: Sicherstellen, dass alle Kabel korrekt zugentlastet sind und die zulässigen Biegeradien (gemäß Herstellerangabe des Kabels) eingehalten werden, besonders an bewegten Maschinenteilen.
- Funktionstest: Nach Freigabe der Maschine (LOTO aufheben) die Funktion der Sicherheitseinrichtung unter verschiedenen Bewegungs- und Lastzuständen testen.
8.3 Behebung von EMI-Problemen
- Sicherheit herstellen: Maschine gemäß LOTO (Kapitel 2) sichern, bevor an elektrischen Anlagen gearbeitet wird.
- Störquelle identifizieren: Mittels Oszilloskop und systematischem Ein-/Ausschalten potenzieller Verursacher (Frequenzumrichter, Motoren, Schweißgeräte).
- Kabelmanagement optimieren:
- Trennung: Sicherheitsrelevante Signalleitungen räumlich von Energieleitungen und Frequenzumrichterkabeln trennen. Mindestabstand 20 cm, Kreuzungen im 90°-Winkel.
- Schirmung: Ungeschirmte Signalleitungen durch hochwertige, geschirmte Kabel (z.B. LiYCY oder Profibuskabel) ersetzen. Die Schirmung muss beidseitig (Steuerung und Sensor) großflächig und niederinduktiv auf den Potentialausgleich gelegt werden (VDE 0100-410).
- Ferritkerne: An kritischen Punkten Ferritkerne um Signalleitungen legen, um hochfrequente Störungen zu dämpfen.
- Erdung und Potentialausgleich:
- Überprüfung der Erdung von Schaltschränken, Maschinengestellen und elektronischen Komponenten gemäß VDE 0100-410.
- Sicherstellen eines zuverlässigen, niederohmigen Potentialausgleichs aller Maschinenteile, um Gleichtaktstörungen zu minimieren. Widerstand zwischen geerdeten Teilen < 0.1 Ohm.
- Störschutzfilter: Gegebenenfalls EMV-Filter (z.B. EN 61000-4-4 konform) in die Stromversorgung von störanfälligen Komponenten oder an den Ausgang von Frequenzumrichtern integrieren.
- Funktionstest: Nach Freigabe der Maschine die Störfestigkeit unter normalen und gegebenenfalls simulierten Störbedingungen (z.B. Schweißgerät in der Nähe) prüfen.
8.4 Behebung von Defekten an Sicherheitsrelais oder SPS-Modulen
- Sicherheit herstellen: Maschine gemäß LOTO (Kapitel 2) sichern.
- Fehlercode auslesen: Über die Diagnoseschnittstelle des Moduls oder die LEDs am Gerät.
- Spannungsversorgung prüfen: Mit DMM die 24 VDC Versorgungsspannung direkt an den Klemmen des Moduls prüfen. Sollwert: 24 VDC +/- 5% (22.8 VDC bis 25.2 VDC).
- Modul ersetzen:
- Bei bestätigtem internen Defekt das Sicherheitsrelais oder SPS-Modul durch ein identisches, vom Hersteller zertifiziertes Ersatzteil (z.B. CE-, TÜV Rheinland-zertifiziert) ersetzen.
- WICHTIG: Keine nicht-zertifizierten oder inkompatiblen Module verwenden!
- Die Verkabelung muss exakt nach Schaltplan erfolgen.
- Parametrierung / Programmierung: Bei programmierbaren Sicherheits-SPS-Modulen das korrekte Programm oder die Parameter über die Herstellersoftware (Kapitel 3) übertragen und prüfen. Sicherstellen, dass die Konfiguration dem Performance Level (PL) oder Safety Integrity Level (SIL) der Maschine entspricht (DIN EN ISO 13849-1, DIN EN 62061).
- Funktionstest: Nach Freigabe der Maschine eine umfassende Funktions- und Abnahmetestung des gesamten Sicherheitskreises durchführen, idealerweise gemäß den Vorgaben der DIN EN ISO 13849-2.
9. Vorbeugende Maßnahmen gegen Fehlauslösungen
Prävention ist der Schlüssel zur Erhöhung der Betriebssicherheit und Reduzierung von ungeplanten Ausfallzeiten. Durch die Implementierung folgender Maßnahmen können viele Fehlauslösungen von Sicherheitssystemen vermieden werden.
| Fehlerursache (Root Cause) | Präventionsstrategie | Überwachungsmethode | Empfohlenes Intervall |
|---|---|---|---|
| Sensor-Fehlausrichtung / Verschmutzung |
|
|
Wöchentlich (Reinigung), Monatlich (Sichtprüfung), Halbjährlich (Ausrichtung), Jährlich (Signalüberwachung). |
| Probleme mit der Verkabelung / Kontaktgabe |
|
|
Quartalsweise (Sichtprüfung), Jährlich (Thermografie), Alle 2-3 Jahre (Widerstandsmessung). |
| Elektromagnetische Interferenz (EMI) |
|
|
Jährlich (Erdung), Bei Verdacht (Oszilloskop), Bei Änderungen (EMV-Messung). |
| Defekte Sicherheitsrelais / SPS-Module |
|
|
Monatlich (Protokolle), Halbjährlich (Funktionsprüfung), Jährlich (Spannung), Austausch nach 8-12 Jahren (je nach Komponente). |
10. Ersatzteile & Komponenten
Eine schnelle Verfügbarkeit von zertifizierten Ersatzteilen ist entscheidend, um Ausfallzeiten bei der Behebung von Sicherheitssystemfehlern zu minimieren. UNITEC-D bietet ein breites Spektrum an hochwertigen Industriekomponenten. Die folgenden Tabellen zeigen beispielhafte Komponenten, die häufig bei Fehlauslösungen ersetzt werden müssen.
| Teilebezeichnung | Spezifikation / Norm | Wann ersetzen | UNITEC-D Kategorie |
|---|---|---|---|
| Sicherheits-Lichtvorhang (Sender/Empfänger) | Typ 4 (EN ISO 13849-1), PLe, SIL3, Reichweite 0-15m, Schutzfeldhöhe nach Anwendung | Bei Beschädigung der Optik/Gehäuse, internem Defekt (Fehlercode), unzuverlässiger Funktion nach Reinigung/Ausrichtung. | Sicherheitstechnik & Sensorik |
| Sicherheitsrelais / Sicherheits-SPS-Modul | PLe, Kat. 4 (EN ISO 13849-1), SIL3 (EN 62061), 2-kanalig, je nach Anwendung programmierbar oder festverdrahtet. | Bei internem Defekt (Fehlercode, Status-LEDs), Versorgungsspannung OK, aber keine Funktion. Erreichen der vom Hersteller angegebenen Lebensdauer (MTBFd). | Sicherheitstechnik & Steuerungskomponenten |
| Not-Halt-Taster | EN ISO 13850, Pilz- oder Siemens-Standard, mit Zwangsöffnung (NC-Kontakte), beleuchtet oder unbeleuchtet. | Bei mechanischem Klemmen, Beschädigung des Pilzkopfes, internem Kontaktfehler, nach Vandalismus. | Schaltgeräte & Befehlsgeber |
| Schutztür-Positionsschalter (mit Zuhaltung) | EN ISO 14119 (Typ 2 oder Typ 4), PLe, SIL3, Kontaktarten (NC/NO), Zuhaltekraft > 1000N. | Bei mechanischem Verschleiß des Betätigers oder Gehäuses, Kontaktproblemen, Defekt der Zuhaltungsfunktion. | Sicherheitstechnik & Endschalter |
| Geschirmte Steuerleitung | LiYCY oder ähnlich, PVC/PUR-Mantel, flexibel, Nennspannung 300/500V, EMV-konform nach DIN EN 61000-5-2. | Bei sichtbaren Beschädigungen, Brüchen, schlechten Isolationswerten, wiederkehrenden Kontaktproblemen. | Kabel & Leitungen |
| Ferritkerne | Split-Ferrit, Durchmesser und Länge passend zum Kabel, Impedanz bei 100MHz > 100 Ohm. | Nach erfolgreicher Identifizierung von EMI als Ursache, insbesondere bei Nachrüstung. | EMV-Komponenten |
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11. Referenzen
- DIN EN ISO 13849-1: Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen – Teil 1: Allgemeine Gestaltungsleitsätze.
- DIN EN ISO 13849-2: Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen – Teil 2: Validierung.
- DIN EN ISO 14118: Sicherheit von Maschinen – Vermeidung unerwarteten Anlaufs.
- DIN EN ISO 13850: Sicherheit von Maschinen – Not-Halt-Funktion – Gestaltungsleitsätze.
- DIN EN ISO 14119: Sicherheit von Maschinen – Verriegelungseinrichtungen in Verbindung mit trennenden Schutzeinrichtungen – Gestaltungsleitsätze für Auswahl und Anwendung.
- DIN EN 62061: Sicherheit von Maschinen – Funktionale Sicherheit sicherheitsbezogener elektrischer, elektronischer und programmierbarer elektronischer Steuerungssysteme.
- VDE 0100-410 (DIN VDE 0100-410): Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-41: Schutzmaßnahmen – Schutz gegen elektrischen Schlag.
- DIN EN 61000-5-2: Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) – Teil 5-2: Installations- und Migrationsrichtlinien – Erdung und Verkabelung.
- Herstellerdokumentationen für spezifische Sicherheitsprodukte (z.B. Pilz, Siemens, SICK).